Politik, Wirtschaft und Forschung fordern in Bautzen konkrete Schritte für eine zukunftsfähige Schienenverbindung
Die Elektrifizierung der Bahnstrecke zwischen Dresden und Görlitz bleibt ein zentrales Infrastrukturthema für die Region. Nachdem sich Parlamentarier bereits vor der Sommerpause in Berlin mit dem Thema befasst hatten, lud Bautzens Oberbürgermeister Karsten Vogt nun zu einem weiteren Gespräch nach Bautzen ein. Rund 30 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Forschung, Kommunen und Institutionen kamen im Bautzener ALSTOM-Werk zusammen, um deutlich zu machen, warum die Elektrifizierung für die Region dringend notwendig ist.
Neben Oberbürgermeister Karsten Vogt nahmen unter anderem die Bundestagsabgeordneten Dr. Paula Piechotta (Bündnis 90/Die Grünen), Kathrin Michel (SPD) und Florian Oest (CDU) an dem Austausch teil. Aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz waren zudem Vertreter zahlreicher Kommunen sowie strukturbestimmender Unternehmen und Institutionen vertreten.
„Es geht längst nicht mehr nur um die Frage, ob unsere Züge elektrisch fahren. Es geht darum, ob unsere Region ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Chancen der kommenden Jahrzehnte nutzen kann. Die Bahnstrecke ist eine Nabelschnur für Ostsachsen – für Pendler, Unternehmen, Wissenschaft und die Verbindung nach Polen“, machte Oberbürgermeister Karsten Vogt deutlich.
Elektrifizierung als Standortfaktor
Wie unmittelbar die fehlende Elektrifizierung bereits heute Unternehmen betrifft, zeigte das Treffen im ALSTOM-Werk. Werksleiterin Beata Krehel stellte zunächst die Kompetenzen des traditionsreichen Bautzener Standorts vor, der in diesem Jahr sein 180-jähriges Bestehen feiert und heute moderne Schienenfahrzeuge für verschiedene Standorte in Deutschland und Länder in aller Welt produziert.
Für ALSTOM würde eine elektrifizierte Strecke konkrete Vorteile bringen. Fahrzeugtests im Hochgeschwindigkeitsbereich könnten näher am Standort durchgeführt werden. Der heute aufwendige Transport von Fahrzeugen mit anderen Verkehrsmitteln nach Dresden könnte entfallen. Auch die Logistik würde deutlich einfacher. Nach Angaben des Unternehmens könnten dadurch jährlich rund 100 Tonnen CO₂ eingespart und Kosten in Höhe von etwa einer Million Euro vermieden werden.
Auch weitere Unternehmen machten deutlich, dass eine leistungsfähige Schienenverbindung ein wichtiger Standortfaktor ist. BayWa verwies auf rund 687.000 Tonnen transportierter Saaten innerhalb von fünf Jahren – das entspricht etwa 27.000 Lkw-Ladungen. Bei KNDS Görlitz wächst die Produktion deutlich, während derzeit ein großer Teil der Logistik über die Straße abgewickelt werden muss. Die Karosseriewerke Dresden betonten ebenfalls, dass für unternehmerische Entscheidungen verlässliche Aussagen zur Infrastruktur benötigt werden.
Fast 18.000 Berufspendler täglich
Oberbürgermeister Karsten Vogt stellte die überregionale Bedeutung der Strecke heraus. Fast 18.000 Menschen pendeln täglich in der Region zur Arbeit. Gleichzeitig sind die Züge bereits heute teilweise überlastet. Besonders problematisch: Während rund um die Region bereits geplant und elektrifiziert wird, gibt es für den Abschnitt zwischen Demitz-Thumitz und Görlitz weiterhin keine konkrete Planung.
Dabei geht es längst nicht nur um den regionalen Verkehr. Die Verbindung nach Polen und insbesondere nach Breslau gewinnt für Wirtschaft, Forschung und Arbeitsmarkt zunehmend an Bedeutung. Vertreter der ULT AG aus Löbau verwiesen auf zahlreiche Beschäftigte aus Polen. Für diese Arbeitnehmer sei insbesondere die Reisezeit entscheidend. Auch aus Sicht der Forschungslandschaft besteht erheblicher Handlungsbedarf: Prof. Thomas D. Kühne vom CASUS-Institut des Helmholtz-Zentrums in Görlitz verwies auf die zunehmende Verflechtung der Forschungsstandorte Dresden und Breslau, für die zwei Stunden Wartezeit am Zug in Görlitz keine Option sind.
Auch Thomas Freudenberg von Silicon Saxony betonte die Bedeutung der Verbindung nach Polen. In der sächsischen Software- und Entwicklungsbranche arbeiten rund 280.000 Menschen in etwa 3.600 Unternehmen. Zahlreiche Partnerunternehmen befinden sich in Breslau. Persönliche Kontakte und eine schnelle Erreichbarkeit seien deshalb weiterhin von großer Bedeutung.
Planungssicherheit als nächster Schritt
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs war die fehlende Planungssicherheit. Diese erschwert nach Einschätzung der Beteiligten auch Investitionen in Brücken, Bahnhöfe und weitere Infrastruktur. Notwendig seien daher nicht nur die Elektrifizierung selbst, sondern auch ertüchtigte Ausweichgleise und eine leistungsfähige Gesamtstrecke.
Florian Oest MdB machte deutlich, dass auch aus Sicht der Bundespolitik der Handlungsbedarf gesehen wird. Im parlamentarischen Raum werde nach Finanzierungsmöglichkeiten für die notwendigen Planungen gesucht. Ziel sei es, eine belastbare Kosten-Nutzen-Betrachtung anzustoßen und die Notwendigkeit der Elektrifizierung gegenüber dem Bund deutlich zu machen. Dazu brauchen die Bundestagsabgeordneten Argumente aus der Ostsächsischen Wirtschaft.
Ein gemeinsames Signal aus Bautzen
Der nächste Schritt ist damit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Treffens klar: Die Region muss ihre Kräfte bündeln und kontinuierlich auf eine konkrete Planung hinarbeiten.
Die Stadt Bautzen will und muss deshalb gemeinsam mit den Partnern der Region den Dialog mit Land und Bund fortsetzen. Ziel ist es, die Elektrifizierung der Strecke zwischen Demitz-Thumitz und Görlitz endlich in eine verbindliche Planung zu überführen.
Denn aus Sicht der Stadt geht es dabei um weit mehr als um Fahrzeiten oder den Antrieb von Zügen: Es geht um die Zukunftsfähigkeit der gesamten Region.
