Museum Bautzen

Meilenstein sächsischer Verkehrsgeschichte – 100 Jahre Friedensbrücke Bautzen

Měznik sakskich stawiznow wobchada – 100 lět Móst měra w Budyšinje
Gemeinschaftsprojekt des Museums Bautzen mit dem Archivverbund Bautzen
12. September bis 8. November 2009

Geschichte der Kronprinzen- und Friedensbrücke

Die Silhouette der Stadt Bautzen mit ihren spätmittelalterlichen Befestigungsanlagen bietet ihren Bewohnern und Gästen einen eindrucksvollen Anblick. Die Einmaligkeit der über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Stadtanlage erschließt sich nicht nur von der Anhöhe der Autobahn, vom Protschenberg oder dem Eisenbahnviadukt aus. Auch von der Friedensbrücke, hoch über der Spree, eröffnet sich ein malerisches Panorama: flussabwärts auf die Stadt, flussaufwärts auf die Oberlausitzer Berge. Diese zwei Blickachsen erfassen nicht nur die architektonische und landschaftliche Schönheit. Sie verdeutlichen auch aufgrund der topographischen Gegebenheiten, dass die Brücke, über die seit einhundert Jahren fast ununterbrochen der Verkehr pulsiert, für die Stadt und die Region in verkehrstechnischer Hinsicht außerordentliche Bedeutung besitzt.

Blick vom "Feldschlösschen" zum "Bürgergarten"Abb. 1: Blick vom »Feldschlößchen« zum »Bürgergarten«. Um 1905. Stadtarchiv Bautzen.

Bau der Spreetalüberbrückung von 1908 bis 1909

Bautzen lag ursprünglich auf dem östlichen Hochufer der Spree. Die für die Befestigung der Stadt vorteilhafte Spornlage erwies sich für die Verkehrssituation als nachteilig. Der Fluss bildete auf der Westseite ein natürliches Hindernis. Hier mündeten die Neustädter Landstraße (Südwesten), die Bautzen-Dresdner (Westen, B 6) und die Bautzen-Hoyerswerdaer Staatsstraße (Norden, B 96) in die Stadt ein. Die Zufahrtsstraßen waren steil, kurvenreich und eng. Für den Personen- und Güterverkehr ergaben sich daraus erhebliche Schwierigkeiten und Unfallrisiken. Die Industrialisierung, das Bevölkerungswachstum und der zunehmende Verkehr machten Anfang des 20. Jahrhunderts die Erschließung neuer Verkehrswege erforderlich. Der sächsische Staat und die Stadt Bautzen wollten die Barrieren durch die Verlegung von Straßen sowie den Bau einer neuen Brücke beseitigen. Diese sollte ohne nennenswerte Höhenunterschiede über das Spreetal in die Stadt einmünden.

Bautzen in Zukunft - Entwurf - 1905

Abb. 2: Postkarte - Bautzen in Zukunft mit Entwurf für die Spreetalüberbrückung. Bautzen, um 1905. Museum Bautzen.

Die Planungen für die Brücke nahmen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Ausgang. Den Entwurf erstellte seit 1903 die Königliche Straßen- und Wasser-Bauinspektion zu Bautzen. Die Wahl für den Standort des Viaduktes fiel auf die Talenge in der Verlängerung des Lauengrabens. Ausschlaggebend für diese Entscheidung waren die an dieser Stelle verhältnismäßig günstigen Baukosten. Außerdem konnte man von hier aus den Stadt- und Fernverkehr problemlos weiterleiten. Da sich die Brücke in unmittelbarer Nähe zur Altstadt befindet, musste der Entwurf die Besonderheiten des Ensembles berücksichtigen und sich ästhetisch behutsam in das Stadtbild einfügen. Dass der westliche Talrand etwa vier Meter tiefer liegt als die altstädtische Seite, erschwerte die Planung. Ins Gespräch gebracht wurde eine dreibogige Brücke mit Stahlkonstruktion. Aufgrund der Gegebenheiten vor Ort entschieden sich die Planer für einen Viadukt mit vier Bogen aus regionaltypischem Naturstein.

Aufmauerungsarbeiten an den Gewölben, 1908

Abb. 3: Aufmauerungsarbeiten an den Gewölben der Mittelbögen der Brücke. September 1908. Straßenbauamt Bautzen.

Die Arbeiten zum Bau der Spreetalbrücke wurden an die Firma Liebold & Co. G.m.b.H. aus Lange-brück vergeben. Der Viadukt entstand in einer für die damalige Bautechnologie erstaunlich kurzen Zeit von zwanzig Monaten. Im Februar 1908 fanden die Untersuchungen des Baugrundes an den Standorten der Pfeiler statt. Da sich zwei Meter unter der Spreesohle »gesunder« Granit befindet, konnte die Brücke ihrer gesamten Länge nach auf festen Grund gestellt werden. Im Verlauf des Jahres wurden die Pfeiler, Widerlager (Verankerungen) und Flügelmauern gegründet und die Wölbung der Brückenbögen ausgeführt. Ab April 1909 standen dann die Arbeiten am Oberbau der Brücke im Mittelpunkt des Baugeschehens. Den Abschluss bildeten die Abdichtung der Brückentafel und der Ausbau der gepflasterten Fahrbahn. Unter den Gehwegen installierte man Gas-, Wasser- und Stromleitungen. Am 1. November 1909 weihte der sächsische König den Viadukt ein. Aus Verbundenheit zum sächsischen Königshaus erhielt er den Namen »Kronprinzenbrücke«.

Brückenweihe durch Friedrich August III. von Sachsen

Abb. 4: Weihe der Kronprinzenbrücke durch Friedrich August III. von Sachsen. 1. November 1909. Stadtarchiv Bautzen.

Die Kosten für die Errichtung des Viaduktes betrugen ohne Grunderwerb 545.000 Mark. Ihren Anteil in Höhe von 137.000 Mark beglich die Stadt Bautzen 1907 beim sächsischen Staat. Durch die Verlegung der Straßen einschließlich des Grunderwerbs und des Ausbaus der innerstädtischen Strecken entstanden Aufwendungen von etwa 1.000.000 Mark. Die Stadtgemeinde trug zu dieser Summe einen Beitrag von 300.000 Mark bei. Den Hauptanteil der Kosten zur Errichtung der Brücke und zum Ausbau der Straßen leistete der Staat.

Die Gewölbebrücke beeindruckt bis heute durch ihre imposante Größe und technischen Parameter. Das alte Bauwerk bestand aus witterungsbeständigem Granitsteinbruch - Konglomerat-Beton (Naturstein-Beton-Gemisch) mit Natursteinvormauerung. Mit Einschluss der Flügelmauern besaß der Viadukt eine Länge von 181,4 Metern. Von seinen Korbbögen verfügten die beiden mittleren über eine Spannweite von 35 Metern und die zwei äußeren über 27 Meter. Seine Verkehrsbreite belief sich auf 11 Meter. Davon entfielen 7,5 Meter auf die Fahrbahn und je 1,75 Meter auf die beiden Fußwege.

Historische Ansicht der KronprinzenbrückeAbb. 5: Postkarte – Kronprinzenbrücke mit Bebauung an der Kaeublerstraße, am Scharfenweg und der Krottenschmidtstraße. Leipzig, um 1915. Museum Bautzen.

Die Möglichkeit, das Spreetal ohne großen Zeit- und Kraftaufwand überqueren zu können, stellte eine wesentliche Verbesserung der Bedingungen für den Nah- und Fernverkehr dar. Die Verkehrsanbindung nach Westen förderte auch die Stadtentwicklung in diese Richtung. Auf dem westlich der Spree gelegenen Gelände entstand vom Frühjahr 1909 an bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 ein neuer Stadtteil mit drei- und viergeschossigen Mehrfamilienhäusern für rund 2.000 Einwohner.

Panzersperre vor der Kronprinzenbrücke, 1945

Abb. 6: Panzersperre vor der Kronprinzenbrücke.
Ende April 1945. Foto: Kurt Arno Lehnert. Museum Bautzen.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges tobten im April 1945 in und um Bautzen schwere Gefechte zwischen Einheiten der deutschen, sowjetischen und polnischen Armee. Luftangriffe, Artilleriefeuer und Panzereinsätze verwüsteten die Stadt. Wie fast alle Straßen- und Eisenbahnbrücken wurde auch die Kronprinzenbrücke gesprengt. Total zerstört wurden die Bögen 1 und 2, der Pfeiler 1 und der Überbau über Bogen 3. Für die Bevölkerung zog ihre Zerstörung empfindliche Verkehrseinschränkungen und Versorgungsschwierigkeiten nach sich.

Blick vom westlichen Brückkopf auf die zerstörte Kronprinzenbüecke Abb. 7: Blick vom westlichen Brückenkopf auf die zerstörte Brücke. März 1946. Foto: Oskar Kaubisch. Museum Bautzen.

Wiederaufbau der Kronprinzenbrücke zwischen 1946 und 1949

Der Wiederaufbau des Viaduktes stellte die Stadt Bautzen vor vielfältige Probleme. Erhebliche Schwierigkeiten bereitete ihr neben der Beschaffung des Baumaterials und der Lösung von Transportfragen die Bereitstellung der finanziellen Mittel. Umfangreiche Gelder stellte die Volkssolidarität Stadt und Land Bautzen zur Verfügung. Die Wohlfahrtsorganisation mobilisierte die Spendenbereitschaft der Bevölkerung und rief eine »Wiederaufbau-Lotterie zugunsten der ehemaligen Bautzener Kronprinzenbrücke« ins Leben. Der Landesausschuss der Volkssolidarität förderte den Wiederaufbau des Viaduktes mit insgesamt 240.000 Mark.

Mauerwerksarbeiten an einem Pfeilerkämpfer

Abb. 8: Mauerwerksarbeiten an einem Pfeilerkämpfer zwischen zwei Bögen. Museum Bautzen.

Mit den Bauarbeiten beauftragte der Stadtrat zu Bautzen die Löbauer Firma Walter Vetter im Zusammenwirken mit der Bautzener Firma J. Georg Hauser. Nach der weitgehenden Beräumung der Trümmer im Umfeld der Brücke begannen im April 1946 die Baumaßnahmen. Infolge des permanenten Mangels an Material wurden sie wiederholt für längere Zeit eingestellt. Unterstützung beim Aufbau der Brücke erhielt die Stadtverwaltung durch die Sowjetische Militäradministration und die Landesverwaltung Sachsen. Im Rahmen des Wiederaufbaus wurden die Fahrbahn und die Fußwege verbreitert. Die Brüstung aus Granit tauschte man gegen ein Geländer aus Metall ein. Im Inneren der Brücke entstand ein Leitungskanal. Mit der Widerweihe des Bauwerkes als »Friedensbrücke« am 20. Dezember 1949 fanden die Arbeiten am Viadukt weitgehend ihren Abschluss.

Betonieren der südl. Fahrbahnplatte, 1998

Abb. 9: Ausbringung des Betons auf der südlichen Fahrbahnplatte. Ende Mai 1998. Straßenbauamt Bautzen.

Sanierung der Friedensbrücke 1998 und 2007

Im Zeitraum zwischen 1949 und 1998 wurden an der Brücke nur die notwendigsten Wartungs- und Reparaturarbeiten ausgeführt. Insbesondere das seit 1989 extrem gestiegene Verkehrsaufkommen setzte ihr erheblich zu. Unter Leitung des Straßenbauamtes Bautzen wurden 1998/99 alle Schäden an der Brücke beseitigt und das Bauwerk unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Aspekte grundlegend saniert. Ausgeführt wurden dabei folgende Maßnahmen: 1. Die Rekonstruktion und Abdichtung des Brückenüberbaus mit der Fahrbahn sowie des Leitungs- und Besichtigungskanals der Pfeilerkammern und Querkanäle; 2. Die Instandsetzung der Stirnmauern, Gewölbebögen und Unterbauten durch Reinigung und Verfugung des Natursteinmauerwerks nach dem Austrocknen der durchfeuchteten Bauteile. Den Zuschlag für die Sanierung 1998 erhielt die Firma TASTBAU - Asphalt-Straßen- und Tiefbau GmbH Miltitz - Zweigstelle Sönitz.

Alte Dichtungsbahnen der Fahrbahn der Brücke, Sommer 2007

Abb. 10: Alte Dichtungsbahnen der Fahrbahn der Brücke. Sommer 2007. Straßenbauamt Bautzen.

Durch die Überlagerung des Verkehrs von der B 6 und der B 96 gestaltet sich die Verkehrssituation im Bereich der Friedensbrücke auch im neuen Jahrtausend schwierig. Die Staus vor und auf der Brücke schaffen sowohl verkehrs- als auch bautechnische Probleme. Von diesen betroffen ist hauptsächlich die stadteinwärts führende Fahrbahn. Die 1998 zwischen der Fahrbahn und der Brücke sowie den Überbauplattensegmenten befindlichen Fahrbahnübergänge aus Bitumen waren 2007 zerschlissen. Aus diesem Grund musste das Straßenbauamt Bautzen in diesem Jahr komplett die Asphaltdecke austauschen und die Dehnungsfugen der Fahrbahnübergänge auswechseln lassen. Die bituminösen Fahrbahnübergänge wurden durch stählerne Fahrbahnübergänge mit Gummilamellen ersetzt.

Ölgemälde Blick von der Straße Am Feldschlösschen auf Kronprinzenbrücke

Abb. 11: Franz Adolf Fischer-Gurig (1860-1918): Blick von der Straße Am Feldschlößchen auf die Kronprinzenbrücke und die Altstadt. [Bautzen,] 1913. Öl auf Leinwand. Museum Bautzen.

Ausstellung im Museum Bautzen

Das Museum Bautzen und der Archivverbund Bautzen widmen dem einhundertsten Geburtstag der Brücke eine Sonderausstellung. Die Schau und die zum Jubiläum erscheinende Publikation zeigen, dass der Viadukt ein bedeutendes Kapitel der lokalen und regionalen Bau- und Verkehrsgeschichte widerspiegelt. Anhand von Dokumenten, Plänen und Bildern aus öffentlichen Sammlungen und Privatbesitz erläutern sie die Voraussetzungen und Bedingungen, die zu seiner Errichtung führten. Außerdem dokumentieren sie das Geschehen des Baus, des Wiederaufbaus und der Rekonstruktion sowie die Nutzung der Brücke. Deutlich wird, dass das Bauwerk bis heute ein beliebtes Bildmotiv für Fotografen und Künstler ist.

Logo 100 Jahre Friedensbrücke

Abb. 12: Logo zum Jubiläum der Brücke. 2009.
© DominoPlus, Ralf Reimann, Bautzen.

Die Publikation mit dem Titel »Meilenstein sächsischer Verkehrsgeschichte - 100 Jahre Friedensbrücke Bautzen« erscheint im Lusatia Verlag Bautzen. Sie umfasst 112 Seiten und circa 70 Abbildungen in Schwarzweiß und Farbe. Erhältlich ist sie zum Preis von 9,90 Euro im Museum Bautzen und im Archivverbund Bautzen. Über den Buchhandel kann die Broschüre unter der ISBN-Nummer 978-3-936758-57-3 bezogen werden.

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